Pressereaktion
| [aus: DIE ZEIT, Do. 17.09.1998] | ||||||
| Aktion Butterbrotdose | ||||||
Braunes Linoleum, Resopaltische, Tafelkreide - ein Wettbüro stellt man sich anders vor, zumal wenn der Wettgegner "die Bundesregierung" ist und es um nichts Geringeres geht als die Rettung der Welt. Einen Beitrag dazu haben die jungen Leute im Sinn, die da in einem winzigen Zimmer der Berliner Fichtelberg-Schule am Internet hängen. Wie auch immer die Bundesregierung Ende September aussehen wird, Schüler von Amrum bis Zwiesel wollen beweisen, daß sie es besser können als die Regierenden. Um den Politikern Beine zu machen, hat die Jugendorganisation des Bundes Umwelt und Naturschutz (BUND) eine Wette ins Leben gerufen. Innerhalb von sieben Monaten sollen Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland den Ausstoß des Klimakillers CO2 an ihren Schulen um zehn Prozent reduzieren. Zehn Prozent weniger Kohlendioxid - das ist exakt die Menge, die die Bundesrepublik bis zum Jahr 2005 einsparen müsste, um ihr auf dem Umweltgipfel in Rio gegebenes Versprechen einzuhalten. Was die Regierung in sieben Jahren schaffen will, wollen die Schüler in sieben Monaten vormachen, indem sie zu Tausenden intensiv nach Energiesparmöglichkeiten fahnden und damit zehn Millionen Kilogramm Kohlendioxid wegsparen. Das Unabhängige Institut für Umweltfragen in Berlin will die Kampagne begleiten und hat dafür einen Aktionsplan mit Rechenexempeln aufgestellt: Wenn 800 Schüler ein Jahr lang ihr Pausenbrot nicht in Alufolie einwickeln, sondern in die gute alte Butterbrotdose packen, spart das 12 000 Kilogramm CO2; jeder Packen Umweltpapier im Schulkopierer bringt gut drei Kilogramm CO2 weniger als gebleichtes Papier. Das Wettziel ist auch zu erreichen, wenn auf 769 Millionen Tassen heiße Schokolade verzichtet wird oder 4,4 Milliarden Socken mit der Hand gewaschen werden. Weitere Möglichkeiten: Jede zweite Glühlampe im Schulflur herausschrauben, die Stand-by-Funktion aller elektrischen Geräte ausschalten, die Klassenzimmer nur noch Stoßweise durchlüften, die Schulheizung nachts herunterfahren, Cola-Büchsen und Pappteller aus der Schulkantine verbannen, auf Papas Chauffeurdienste verzichten und mit dem Rad zur Schule kommen. Im "Wettbüro" zeigen Claudia König und Antje Witting, die Koordinatorinnen des Projekts, auf eine Deutschlandkarte mit bunten Fähnchen. Orange, das sind die Schulen, die sich schon zur Teilnahme verpflichtet haben, Grün steht für noch nicht recht Entschiedene, Rot für die Laberer, die Landesbeauftragten der Kampagne, die Schülerinnen und Schüler, Lehrer und Hausmeister zum Mitmachen überreden ("belabern") sollen. Fünfundfünzig Schulen haben sich bisher verbindlich zum Mitmachen entschlossen. Die Landkarte von Sachsen und Thüringen zeigt noch viele leere Flecken, Berlin und Nordrhein-Westfalen sind mit Fähnchen gut bestückt. Videoclips, Aufkleber, Pressekonferenzen, Aktionstips und Wettformulare im Internet sollen die Aktion voranbringen. Angst vor Umweltzerstörung liegt nach der jüngsten Shell-Jugendstudie zwar auf Platz zwei in der Liste der Zukunftssorgen Jugendlicher, trotzdem ist Ökologie nicht gerade "mega-in". Eine vom Umweltbundesamt in Auftrag gegebene Untersuchung brachte ans Licht, daß die als besonders umweltbewußt geltende junge Generation im Alltag eher ein Völkchen von Ökoferkeln ist. Vielleicht aber kommt den Initatoren der Wette ja jener andere Trend der Zeit zugute, wonach sich "alles rechnen" muß. "Energiesparen ist heute doch fast das einzige, das nichts kostet", sagt Antje Witting. Zehn Prozent weniger Energieverbrauch bedeutet für eine mittelgroße Schule eine Ersparnis von 15.000 bis 20.000 Mark im Jahr. Und wenn die Schulen, wie in einigen Städten praktiziert, die Hälfte des eingesparten Geldes behalten dürfen, hätte die Wette doppelten Effekt. Am 1. November soll es losgehen mit dem Energiesparen. Im Frühjahr wird man wissen, ob Deutschlands Schüler darin erfolgreicher sind als die Politiker. Dann wird der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, als Schiedsrichter das Wettergebnis bekanntgeben. Wenn sie verlieren, wollen die Schüler dem Bundestag eine ökologische Woche ausrichten. Gewinnen sie, wünschen sie sich vom Bundeskanzler ein Fest. |



